Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Der Maler Franz Nölken, 5 Jahre jünger als Vogt, schrieb im Juni 1918 schamlos bissig an seinen Hamburger Freund und Kollegen Friedrich Ahlers-Hestermann: »Lieber Ahlers, […] Mir geht es gut, ich bin kriegsbegeistert, das Essen ist vorzüglich, wir kriegen viel zu viel Löhnung. Wir verzichten furchtbar gern auf Urlaub, wenn nur der Feind aufs Haupt geschlagen wird. Was anderes von hier darf man ja wohl nicht schreiben.« (Nachlass Familie Ahlers-Hestermann im Staatsarchiv Hamburg (622-1_163 D 397 Bd. 3 (2)) Franz Nölken starb am 4. November 1918 im Alter von 34 Jahren in La Capelle, ca. 8 km nordwestlich der Stadt Hirson im französischen Departement Aisne, eine Woche vor der Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrages am 11. November in Compiègne.

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

mail@handschriften-lesen.de www.handschriften-lesen.de

Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

6.–10. November 1918

6. November 1918. Heute sind wir abmarschiert Richtung Brüssel, kamen in Pironche in Quartier.

7. November 1918. Abmarsch nach Ronse. Wir sind jetzt wieder in Flandern. Die Leute spre­chen auf den Dörfern flämisch. In Deutschland soll Revolution sein, der Kaiser abgedankt, tolle Welt. Deutschland Republik.

9. November 1918. Wir liegen in St. Kwintens – Lennik. Der Krieg zu Ende, Abtransport nach Deutschland. Brave Leute im Quartier. Echt Flandern. Große Häuser, wuchtige Dörfer und öffentliche Bauten. Ein Gegensatz zu den ärmlichen Wohnungen in Wallonen. Auch die Fermen sind großzügiger angelegt. Man merkt, dass man in Flandern ist, saubere sehr geschmückte Dörfer. Wir liegen im Brabant.

______

Während Philipp Scheidemann am 9. November 1918 in Berlin vom Balkon des Reichstags die Republik ausrief, ersuchte Kaiser Wilhelm II bei Eijsden in Holland um politisches Asyl.

Die Sozialdemokraten Friedrich Ebert, Otto Landsberg und Philipp Scheidemann bildeten zusammen mit den drei Unabhängigen Hugo Haase, Emil Barth und Wilhelm Dittmann den Rat der Volksbeauftragten.

______

10. November 1918. Weitermarsch nach Brüssel. Wir sollen zum Schutze der Stadt 8 Tage hier bleiben. In der Stadt soll’s nämlich sehr unruhig sein. Es hat sich ein Soldatenrat gebildet. Viel Pöbel ist zusammengelaufen. Kleine Reibereien.

______

»Auch Bielefeld und Osnabrück ist in den Händen der Soldatenräte. Sogar in Halle [Halle i. Westf.] ist ein Soldatenrat gebildet, wo Major Saatweber zum Vorsitzenden gewählt ist. Die Delegation, die mit General Foch Waffenstillstandsverhandlungen führen sollte, kehrte zurück, da die Entente scheinbar zu dolle Bedingungen stellt. Herr Erzberger hat somit mit seinen Bauchreden nichts fertig gebracht!! Gegen Abend kommt die bestürzende Nachricht, daß Kaiser und Kronprinz abgedankt haben. Die Wut über diese Machenschaften der Sozialdemokraten wallt in jedem von uns auf. Noch mehr wie bisher ist unser aller Gebet: ›Gott Schütze unsern Kaiser!‹ Aber obwohl er vom Trone gestürzt ist, bleiben wir im treu, für alle Zeiten! Russische Zustände sind jetzt über unser armes Vaterland hereingebrochen; wenn nicht alles trügt, stehen böse Tage vor der Tür. « Aus der Chronik von Gut Brincke, Borgholzhausen. Marcus Stumpf: Adel im Krieg, Münster 2015, S. 350

______

Der nächste Beitrag erscheint am 11. November 2018.

Eintrag